Die Geschichte der Bajuwaren

Bajuwaren (auch Baiuwaren) ist die ursprüngliche Namensform der Baiern, eines gegen Ende der Völkerwanderung entstandenen germanischen Stammes, der neben Altbayern den Großteil Österreichs und Südtirols besiedelte.

Der volle Name der Baiern lautete ursprünglich germanisch *baio-warioz. Überliefert ist dieser als Baiwaren, Baioaren, Bajoras, latinisiert Bavarii, Baioarii. Es wird angenommen, dass es sich dabei um ein Endonym (= Selbstbezeichnung) handelt.
Hinter dem Erstglied baio steckt der Name des keltischen Stammes der Boier, der auch im Landschaftsnamen Böhmen (germanisch latinisiert boio-hemum = Heim der Boier) erhalten ist. Das Zweitglied ist die heute nur mehr in einzelnen Ausdrücken (Werwolf, Wergeld) erhaltene Bezeichnung für Mann, die noch aus indogermanischer Zeit stammt (vgl. z.B. lateinisch vir = Mann). Der Name der Baiern wird deshalb als „Männer aus Böhmen“ gedeutet.

Im Mittelalter betrachtete man die Baiern deswegen als Nachfahren der antiken Boier. Die ältere Forschung ging von Markomannen als jenen „Männern aus Böhmen“ aus, die zum namensgebenden Teil der Baiern geworden seien. In der aktuellen Diskussion werden diese mit einer elbgermanischen Fundgruppe identifiziert, die nach den bedeutendsten Fundorten ihrer Brandgräberfelder und Keramik als Friedenhain-Prestovice bezeichnet wird.

Die Schreibweisen mit y gehen auf den philhellenischen (= Griechenfreund) bayerischen König Ludwig I. (Bayern) zurück. In der Sprachwissenschaft wird streng unterschieden zwischen bairischer Sprache/Bevölkerung, welche mit i geschrieben werden, und dem bayerischen Territorium, das mit y geschrieben wird.

Im Jahr 15 v. Chr. eroberten die Legionen Roms das nördliche Alpenvorland bis zur Donau. Die Kontinuität der Flur- und Ortsnamen beweist, dass noch keltische Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt im Lande gewesen sein muss, wie auch das Oppidum Manching bei Ingolstadt zeigt, die Germanen dort jedoch noch nicht heimisch geworden waren. Der archäologische Befund verweist in weiten Teilen des heutigen Bayern auf ein „fast menschenleeres Ödland“ für jene Zeit (S. Rieckhof, Das Keltische Jahrtausend.). Lediglich in den unzugänglicheren Hügel- und Bergregionen war offenbar eine keltische oder illyrische Altbevölkerung ansässig geblieben. Strabon benennt westlich des Bodensees die Helvetier, östlich desselben die Vindeliker als Bewohner von Berghalden, während Räter und Noriker die eigentliche Alpenregion bewohnten (Strabon, Geographica, VII).

Während der mehrhundertjährigen Herrschaft der Römer ergab sich durch Zuzug und Ansiedelung ein starkes Bevölkerungswachstum, wobei durch die Constitutio Antoniniana des Kaisers Caracalla aus dem Jahr 212 allen freien Bewohnern der römischen Provinzen das römische Bürgerrecht zuerkannt wurde – auch in Rätien und Noricum. Diese romanisierten Provinzbürger werden als Provinziale bezeichnet. Aus der römischen Zeit stammen auch jene beiden Relikte, welche auf Boier im Land verweisen: ein römisches Militärdiplom, das 107 an den Soldaten einer spanischen Reitereinheit (einer sog. Ala) in Rätien verliehen wurde, dessen Vater Comatullus ein Boio war, und eine Keramikscherbe, in die Boio eingeritzt wurde.

Literarische Beziehungen zu den keltischen Boiern wurden durch Strabon und Tacitus formuliert. Strabon erwähnt die verlassene Einöde der Bojer am Bodensee sowie Bujaemum im herkynischen Wald (Strabon, Geographica, VII,1), woraus bei Tacitus dann Boii und Boihaemum werden. Bei der Wiederentdeckung des Tacitus am Hof Karls des Großen wurden diese Begriffe dann zum Vorbild für das Land Beheim und dessen slawische Bewohner als „Beheimi“ = Böhmen (siehe Einhard).
Die provinzialrömischen Bewohner verließen 488 auf Befehl des Odoaker die nördlich der Alpen liegenden römischen Provinzen. Im östlichen Rätien wie auch dem Donau-Noricum kam dieser Abzug der Romanen einer weitgehenden Entvölkerung des Landes gleich, denn mit den römischen Herren zogen wohl auch deren Knechte, Mägde und Sklaven mit in die neue Heimat Italien um.
Das Herkunftsgebiet des namengebenden Teils der Baiern lässt sich anhand der Fundstellen der Friedenhain-Prestovice-Kultur bestimmen.
Die Makrotoponymie (= Ortsnamengebung) gibt weiteren Aufschluss über die Verbreitung der angehenden Baiern. Anhand der heim-Namen lässt sich deren ursprüngliches Siedlungsgebiet auf das bayerisch-österreichische Alpenvorland zwischen den Flüssen Lech, Donau und Krems eingrenzen. Danach expandierten sie entlang des Inntals nach Süden und entlang der Donau nach Osten, wovon die Verbreitung der ing-Namen zeugt. Dort siedelten sie in Nachbarschaft zu rätoromanischer bzw. slawischer Bevölkerung, die sich im Lauf der folgenden Jahrhunderte allmählich assimilierte.

Nachbarstämme bzw. -völker der Bajuwaren waren
• Thüringer im Norden
• Franken im Nordwesten
• Alemannen im Westen
• Romanen im Süden
• Langobarden im Süden
• Awaren im Südosten
• Slawen im Osten

Heute erstreckt sich das Gebiet, in welchem bairische Dialekte gesprochen werden, auf
• die bayerischen Regierungsbezirke Niederbayern, Oberbayern und Oberpfalz,
• die österreichischen Bundesländer Burgenland (ohne kroatischsprachige Gebiete), Kärnten (ohne slowenischsprachiges Gebiet), Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark , Tirol (ohne Tannheimer Tal), und Wien,
• die autonome italienische Provinz Südtirol (ohne ladinisches Gebiet)
• die Schweizer Gemeinde Samnaun im Inntal.

Bis zu den Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte dazu auch der benachbarte Teil des Sudetenlandes (vom Egerland bis Südmähren), Ungarns (bei Györ/Raab und Sopron/Ödenburg) und Sloweniens (Abstaller Tal). Daneben gab und gibt es zahlreiche bairische Sprachinseln in Italien, Ost- und Südosteuropa, aber auch in Übersee.

Um etwa 400 n. Chr. dürfte die als namensgebend vermutete Bevölkerungsgruppe der so genannten Friedenhain-Prestovice-Kultur entlang der Donau, zwischen Passau und Neuburg, heimisch geworden sein. Die Vorgänger in der Region zwischen Donau und Fichtelgebirge, die Narisker (auch Naristen, Narister oder Varisten), zogen um 534 n. Chr. nach Burgund ab.

Als entscheidende Zeitspanne wird die Regierungszeit des Gotenkönigs Theoderich des Großen (493–526) in Italien angenommen. Im Jahr 506 öffnete dieser die nördlichen Grenzen seiner goto-römischen Präfektur Italia den von den Franken an Rhein und Neckar besiegten Alemannen. Gemeinsam mit nördlich der Donau heimischen Thüringern, hatten sie danach die „nasse Grenze“ der Italia im Norden (= Hochrhein-Bodensee-Argen-Iller-Donau) gegen die Franken zu schützen (so Ennodius von Pavia). Die Alemannen besiedelten nun die Provinzen Rätien und Noricum, bis zu den beiden Allemannenstürmen zunächst nur bis zur Iller, deren Grenze die Allemannen später überrannten und bis zum Lech verschoben. Wie archäologische Ausgrabungen zeigen, wurden mit der Zeit aber auch Allemannen zu einer ethnischen Komponente der Baiern. Der Lech wurde erst später zu der heute ausgeprägten Sprach- und Kulturgrenze.
Während ihres Verteidigungskampfes gegen Byzanz überließen die Goten Italiens im Jahr 536 alle von ihnen beherrschten Gebiete nördlich der Alpen den Königen der Franken, um dadurch von diesen zumindest Neutralität zu erlangen. So wurden auch Rätien und Norikum fränkisch. Ein nennenswerter Bevölkerungszustrom fand dabei jedoch nicht statt. Die Franken begnügten sich mit der militärischen Sicherung des Gebiets. Drei Jahre später eroberten sie die nördlichen Ebenen Italiens sowie des Inneren Norikum (Noricum Mediterraneum) bis an die Grenzen der römischen Provinz Pannonien. Ein Briefwechsel jener Zeit, in welchem sich der Franke Theudebert I. gegenüber seinem Rivalen von Ostrom, Justinian, der eigenen Machtfülle rühmt (sogenannter „Theudebertbrief“ aus dem Jahr 539/40), ist auch für die Frühgeschichte der Baiern bedeutsam. Der fränkische König benennt darin Norsavorum gentes (norisch-schwäbische Geschlechter), welche sich mit seiner Herrschaft versöhnt hätten. Diese stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit jenen Baioras, die wenig später in der Gotengeschichte des Jordanes als östliche Nachbarn des „schwäbischen Landes“ (regio Swavorum) genannt werden.

Die Regenten der Baiern wurden vom Herzogsgeschlecht der Agilolfinger gestellt:
• Fürst Agilulf der Sueben, vor 482
• Herzog Theodo I. der Sueben/Quaden
• Herzog Garibald I. (555–ca. 591)
• Fürst Theodo II. (680–725?). Papst Gregor II. schrieb seinem Legaten von der Baiwaria (in Baioaria), nannte Theoto als „Ersten“ der Geschlechter/Stämme dort (Primus de gente eadem) und auch als „Herzog der bairischen Stämme“ (dux gentis Baioariorum). Als Herrn eines zu begründenden Erzbistums für Bayern bezeichnete er ihn als dux Provincae (Liber Pontificalis, zitiert nach Alois Schmid).
• Herzog Odilo, 739, legte Bistümer fest.
• Herzog Tassilo III., 748–788, danach Einverleibung in das Frankenreich Karls des Großen
Die Baiern waren einer allmählichen Christianisierung unterworfen. Im Benediktinerkloster Niederaltaich (gegründet 731 oder 741 n. Chr.) wurde als Gesetzeswerk die so genannte Lex Baiuvariorum auf 150 Pergamentseiten in lateinischer Sprache niedergeschrieben.
Regensburg galt lange Zeit als die Hauptstadt der Baiern und wurde in karolingischer Zeit zum Zentrum des ostfränkischen Reiches.


Auch wenn der genaue Hergang des politischen Prozesses im Dunkeln liegt, stabilisierte er die verschiedenen elbgermanischen und ostgermanischen Volksgruppen, und führte schließlich zu jener ethnokulturellen Gemeinsamkeit, welche als Ethnogenese zu bewerten ist.

                                                                                    

Karte von Bayern im 10.Jhd. folgt!

(Quelle: Wikipedia)